Logo

Thesen zur Solarenergie in Baden-Württemberg 2020

Ziel des vorliegenden Dokuments ist es, die Situation der deutschen und baden-württembergischen Solarbranche kritisch zu beschreiben, darauf aufbauend einige Thesen zur Zukunft der Solarbranche zu formulieren und daraus Forderungen an die Landes- und Bundespolitik abzuleiten.

I. Photovoltaik ist ein zentrales Element einer künftigen globalen Energieversorgung und die Voraussetzung für einen wirksamen Klimaschutz.

II. Große Teile insbesondere der baden-württembergischen Solarbranche sind nach wie vor gut aufgestellt, um an der dynamischen Entwicklung der PV teilzuhaben.

III. Um Arbeitsplätze und Wertschöpfung in Baden-Württemberg und Deutschland zu halten bzw. zu schaffen, muss der politische Rahmen vernünftig weiterentwickelt werden.

I. Photovoltaik ist ein zentrales Element einer künftigen globalen Energieversorgung und die Voraussetzung für einen wirksamen Klimaschutz.

Marktentwicklung global: Den weltweiten Boom nicht verpassen!

PV ist ein globaler Megatrend: Das globale Marktwachstum betrug zwischen 1994 und 2014 durchschnittlich 50 % pro Jahr. Im Jahr 2014 wurden PV-Anlagen mit einer Leistung von ca. 45 GW weltweit neu installiert, für 2015 rechnen Marktforscher mit ca. 55 GW. Zunehmende Wettbewerbsfähigkeit und steigender Strombedarf in immer mehr Märkten lassen die Nachfrage nach Photovoltaik weiterhin kontinuierlich wachsen. Bis zum Jahr 2020 wird ein weiteres Wachstum von mehr als 15 % pro Jahr erwartet, was zu einem Weltmarkt von mindestens 100 GW führen wird. Dies entspricht einem Umsatz von ca. 110 Mrd. € allein für die PV-Module sowie zusätzlich in etwa dieselbe Größenordnung für Wechselrichter, Unterkonstruktion, Kabel und Installation.

Die Märkte wachsen vor allem außerhalb Europas: Der europäische PV-Markt stieg bis 2011 auf 22,2 GW an und ist seither rückläufig mit 17,7 GW im Jahr 2012, 11,0 GW im Jahr 2013 und ca. 7 GW im Jahr 2014. Bis zum Jahr 2012 war Europa der größte Markt weltweit mit einem Marktanteil von 59 %, im Jahr 2013 ging der europäische Weltmarktanteil auf 29 % zurück und China wurde mit 31 % der größte Markt weltweit. Heute sind China, Japan und die USA die dynamischsten PV-Märkte weltweit. Der rasant wachsende Strombedarf in Asien, Lateinamerika und Afrika erzeugt laut Prognosen der internationalen Energieagentur (IEA) eine hohe Nachfrage auch über das Jahr 2020 hinaus. In vielen dieser wachsenden Märkte ist PV mittlerweile Kostenführer, der Eigenverbrauch von PV-Strom in Verbindung mit steigenden Strompreisen wird diesen Trend noch verstärken.

Photovoltaik ist eine weltweite Zukunftstechnologie und gehört als solche zum industriellen Kern Europas: Der weltweite rasante Umstieg auf erneuerbare Energien schafft zukunftsträchtige Arbeitsplätze und regionale Wertschöpfung. Um daran zu partizipieren müssen auf europäischer Ebene die Rahmenbedingungen richtig gesetzt werden.

Marktentwicklung regional: Klimaschutzziele in Gefahr! Um die Energiewendeziele auf Bundes- und Landesebene zu erreichen, muss der deutsche PV-Markt wieder wachsen: Nach dem Spitzenjahr 2012 mit 7,7 GW ging der deutsche PV-Markt 2013 auf 3,3 GW und 2014 auf ca. 1,9 GW zurück. Selbst der für 2014 von der Bundesregierung angestrebte nicht sehr ambitionierte Zubaukorridor von 2,4 bis 2,6 GW wurde damit unterschritten. Für 2015 wird ein Zubau von lediglich etwa einem Gigawatt erwartet. Ohne eine Verstetigung der Installationszahlen auf einem Niveau von 5 - 7 GWp pro Jahr in Deutschland sind die politischen Ziele der Energiewende nicht zu erreichen.

Um die Landeszielsetzung von 8 GW in Baden-Württemberg installierter PV-Leistung bis zum Jahr 2020 zu erreichen, müssten ab 2015 mindestens 500 - 600 MW pro Jahr installiert werden, was deutlich über dem erreichten Wert von 300 MW in 2014 liegt.

Photovoltaik in Deutschland lohnt sich: Die Stromkosten aus Photovoltaik liegen bei Großanlagen auch in Deutschland bereits auf oder unter dem Niveau neuer fossiler Großkraftwerke. Im direkten Vergleich mit abgeschriebenen fossilen Kraftwerken können sich diese nur aufgrund der fehlenden Berücksichtigung externer Kosten durch den Ausstoß von CO2 preislich gegenüber der Photovoltaik behaupten.

Im Kleinanlagensegment kommt der Politik zu Hilfe, dass lokal selbst erzeugter Strom aus Photovoltaik in fast allen privaten wie gewerblichen Anwendungen deutlich günstiger als der Netzbezug ist. Dadurch entwickelt sich der Eigenverbrauch zu einem wesentlichen Geschäftsmodell. Mit Hilfe dezentraler Speicher kann der Eigenverbrauchsanteil weiter erhöht und die Belastung der Verteilnetze reduziert werden.

Ein flexibles Stromsystem ist der Schlüssel zum weiteren Ausbau der PV: Um wachsende Anteile fluktuierender erneuerbarer Energien in das Stromnetz zu integrieren, ist die Entwicklung und der Ausbau von Flexibilitätsoptionen dringend notwendig. Diese schließen sowohl elektrische und thermische Speicher, als auch intelligente Netze und Lastmanagement ein. Kurzfristig ist der weitere Ausbau der Photovoltaik noch nicht auf Speicher angewiesen, kann aber – Beispiel Eigenverbrauch –von ihnen profitieren. Auf längere Sicht sollte die Entwicklung sowie die Markteinführung von Speichern parallel betrieben werden.

Akzeptanz und Nutzen von Photovoltaik sind unverändert hoch: Ein dezentraler Ausbau der Photovoltaik („Bürgerenergiewende“) und ihre hohe Skalierbarkeit ermöglichen die Teilhabe breiter Bevölkerungsschichten an der Energiewende sowie die Mobilisierung großer Kapitalmengen mit vergleichsweise geringen Renditeerwartungen. Dies erhöht nebenbei auch die Akzeptanz und die lokale Wertschöpfung.

Globale Wettbewerbsfähigkeit braucht einen starken Heimatmarkt in Europa: Die global agierenden Unternehmen müssen zeigen können, dass ihre Produkte und Dienstleistungen unter den Bedingungen ihres Heimatmarktes wettbewerbsfähig sind. Ein Markt, der aufgrund politischer Entscheidungen trotz drastisch sinkender Gestehungskosten von PV-Strom in Deutschland und Europa bestenfalls stagniert, ist kontraproduktiv für die internationale Wahrnehmung deutscher Unternehmen.

Die Energieversorgung ist strategisch relevant und sollte Abhängigkeiten vermeiden helfen: Derzeit importiert Deutschland fossile Brennstoffe im Wert von fast 100 Mrd. € pro Jahr. Erneuerbare Energien bieten die Chance, diese historischen Abhängigkeiten aufzulösen. Voraussetzung dafür ist allerdings, dass die Fähigkeit zur lokalen Produktion der entscheidenden Komponenten erhalten bleibt.

II. Große Teile der baden-württembergischen Solarbranche sind nach wie vor gut aufgestellt, um an der dynamischen Entwicklung der PV teilzuhaben.

Regionale Wertschöpfung erhalten
Abdeckung der gesamten Wertschöpfungskette ist ein Wettbewerbsvorteil:
Die baden-württembergische Solarbranche bietet Produkte und Dienstleistungen aus allen Bereichen der solaren Wertschöpfungskette. Dadurch können Kundenanforderungen jedweder Art bedient werden. Veränderungen bei der Fertigungstiefe und eine Ausdifferenzierung der Wertschöpfungskette sind zwar typische Entwicklungen in jeder jungen Industrie. Fehlen jedoch einzelne Elemente der Wertschöpfungskette, so kann sich dies negativ auf die gesamte Branche auswirken und zu einem Verlust von Arbeitsplätzen führen. So sind beispielsweise zahlreiche Institute der angewandten Forschung auf den Maschinenbau als Partner in Förderprojekten angewiesen. Umgekehrt würde es dadurch für den Maschinenbau sehr viel schwieriger, Ausrüstung für neue Technologien zu liefern und damit weiter am PV-Markt teilzunehmen.

Traditionelle deutsche Wettbewerbsvorteile gelten auch für die PV-Branche: Nach wie vor wird die hohe Qualität deutscher PV-Produkte weltweit geschätzt. Das langjährige Know-how der Branche, insbesondere in der Systemtechnik, und die Langlebigkeit der Produkte sind bedeutende Wettbewerbsvorteile. Weitere Stärken der deutschen Industrie liegen im Bereich der Arbeitsteilung mit der Integration internationaler Zulieferer sowie der Mitwirkung der Arbeitnehmer an kontinuierlichen Verbesserungsprozessen.

Zukunftsträchtige Arbeitsplätze erhalten und ausbauen: Trotz des dramatischen Marktrückgangs in den vergangenen Jahren beschäftig die Solarbranche in Deutschland noch über 50.000 Menschen. Alleine in Baden-Württemberg sind es knapp 10.000 Beschäftigte in einer von Hochtechnologie und einem hohen Exportanteil geprägten Branche.

Marktchancen I: Hersteller von PV-Komponenten
Deutsche Hersteller können international wettbewerbsfähig hochwertige PV-Komponenten produzieren: Deutsche Hersteller von PV-Komponenten (Silizium, Wafer, Solarzellen, Module, Wechselrichter, Aufständerungen etc.) haben ein hohes Know-how und können auf Basis von Spitzenergebnissen deutscher Forschungsinstitute international wettbewerbsfähig hochwertige PV-Komponenten produzieren.

Industriepolitik sollte es wettbewerbsfähigen deutschen Herstellern von PV-Komponenten ermöglichen, am weltweiten PV-Marktwachstum teilzuhaben: Der PV-Weltmarkt wird aufgrund dersinkenden Kosten von Solarstrom weiter stark wachsen. Deutsche PV-Komponentenhersteller habenhierbei mit hochwertigen Produkten gute Wettbewerbschancen. Die Politik sollte die damit einher gehenden Chancen erkennen und die Rahmenbedingungen so setzen, dass sich eine internationale wettbewerbsfähige Produktion von PV-Komponenten halten bzw. weiter entwickeln kann.

Marktchancen II: PV-Maschinenbauer
Die deutschen PV-Maschinenhersteller sind technologisch weltweit führend: In den Jahren des rasanten Aufbaus der internationalen PV-Industrie haben deutsche Maschinenbauer einen großen Teil der Anlagen geliefert. So werden heute ca. 50 % der weltweit produzierten PV-Module auf deutschen und etwa die Hälfte davon auf baden-württembergischen Maschinen hergestellt. Diese Marktposition gilt es zu halten und auszubauen.

Bei Maschinen zur Herstellung von PV-Komponenten sind deutsche Firmen international wettbewerbsfähig: Da allerdings in den letzten Jahren Produktionsüberkapazitäten abgebaut wurden, ist der Markt für PV-Produktionsanlagen stark geschrumpft, so dass alle Hersteller starke Einbrüche verkraften mussten. Bis zu einer (absehbaren) Erholung des Marktes sollte es den Unternehmen ermöglicht werden, ihr technologisches Know-how in Kooperation mit den einschlägigen Forschungsinstituten weiter zu vertiefen, um ihren Marktanteil in Zukunft weiter ausbauen zu können. Ein gesunder Maschinenbau ist umgekehrt für die angewandte Forschung im Land als Projektpartner von essentieller Bedeutung.

Marktchancen III: PV-Dienstleister
Systemintegration erneuerbarer Energien nimmt weltweit an Bedeutung zu: Mit dem Ausbau der erneuerbaren Energien weltweit steigt die Bedeutung der technisch und ökonomisch optimalen Integration dezentraler und fluktuierender erneuerbarer Energien kontinuierlich an. Der Anteil der Systemtechnik an den Gesamtkosten steigt. Deutsche Unternehmen haben langjährige Erfahrung in den Integrationsfragen; dieses Know-how sollte gestärkt und die internationale Verbreitung unterstützt werden.

Systemtechnik ist ein hochinnovatives Feld und eine besondere Chance für deutsche Unternehmen: Die steigende Komplexität dezentraler, erneuerbarer Energiesysteme erfordert neuartige Lösungen, z. B. was die Themen Netzbetrieb, Leistungselektronik, Smart Grids, Speichertechnik oder neue Marktstrukturen und Geschäftsmodelle angeht. Die Herausforderungen steigen mit wachsendem Anteil erneuerbarer Energien, so dass Deutschland als Testfeld mit bereits 13 % fluktuierender PV- und Winderzeugung prädestiniert für die Entwicklung entsprechender technischer Lösungen ist. Die aktuelle Ausschreibung des BMWi „Schaufenster intelligente Energien“ soll praxistaugliche Lösungen demonstrieren.

Projektierung und Systemintegration sind Exportartikel: Deutsches Know-how zur Projektierung und Systemintegration von PV-Kraftwerken ist weltweit gefragt. PV-Projekte sind mittlerweile stets auf die lokalen Gegebenheiten angepasst. In diesem Bereich können deutsche Projektierer auf eine Menge Erfahrung zurückgreifen, die sich bei der rasanten Verbreitung der Photovoltaik weltweit nutzen lässt.

Einbindung des Handwerks ist von elementarer Bedeutung: Neben den Kosten für die Komponenten ist die effiziente und kostengünstige Installation von PV-Systemen ein Schlüssel für den Ausbau in Deutschland und international. Das deutsche Handwerk ist in dieser Hinsicht (noch) weltweit führend. Ein weiteres Schrumpfen des Heimatmarktes, gepaart mit einer starken Auslastung vieler Betriebe durch anderweitige Dienstleistungen, kann allerdings mittelfristig zu einem Verlust von Spezialisten führen und damit zu steigenden Preisen und längeren Realisierungszeiträumen.

III. Um Arbeitsplätze und Wertschöpfung in Baden-Württemberg und Deutschland zu halten und zu schaffen, muss der politische Rahmen weiterentwickelt werden.

Die aktuellen gesetzlichen Rahmenbedingungen in Deutschland verhindern in vielerlei Hinsicht den weiteren Ausbau der Photovoltaik sowie die zur Integration der PV in das Gesamtsystem notwendige Entwicklung neuer Geschäftsmodelle.

Hürden und Hindernisse

•  Das Image der Photovoltaik hat durch die Strompreisdiskussionen und rechtlichen Unsicherheiten der vergangenen Jahre massiv gelitten und wird in der Öffentlichkeit zu Unrecht als Kostentreiber angesehen.

•  Ständig sich ändernde politische Rahmenbedingungen verunsichern Investoren und Bürger gleichermaßen und verhindern Investitionen.

•  Belastung Eigenverbrauch mit der EEG-Umlage

•  Die Projektierung von PV-Anlagen wird durch zahlreiche Gesetze und Vorschriften immer komplexer (z. B. FFAV mit > 100 Seiten). Dies hält insbesondere ehrenamtlich getragene Marktteilnehmer (z. B. Bürgerenergiegenossenschaften) und kleine Unternehmen zurück.

•  Unterscheidung zwischen Direktlieferung (volle EEG-Umlage) und Eigenverbrauch (30 - 40 % EEG-Umlage)

•  Das öffentliche Haushaltsrecht benachteiligt in vielen Fällen eine Einsparung (beispielsweise durch Nutzung des selbst erzeugten Stroms aus einer PV-Anlage) gegenüber einer einmaligen Investition (OPEX vs. CAPEX)

Schlussfolgerungen und Forderungen an die Landesregierung

Nachfrage stärken

•  Erstellung eines Leitfadens für Kommunen zum Thema PV-Freiflächenanlagen nach dem Vorbild Bayerns, um der Verunsicherung unter den Kommunen zu begegnen (Land)

•  Vorbildfunktion der öffentlichen Hand: PV auf Landesliegenschaften, öffentlichen Parkplätzen etc. vorsehen und installieren (Land)

•  Öffentlichen Einrichtungen ermöglichen, leichter CAPEX (Ausgabe für die PV-Anlage) und OPEX (Kostenersparnis durch vermiedenen Strombezug) gegeneinander aufzuwiegen(Land/Bund)

•  Schaufenster für die gelungene Integration großer Anteile erneuerbarer Energien in Baden-Württemberg schaffen bzw. unterstützen → Projekt c/sells (Land)

Rahmenbedingungen schaffen

•  Klares Bekenntnis der Landesregierung zum Ausbau der Photovoltaik in Baden-Württemberg, dabei explizit Regierungspräsidien und Landratsämter einbeziehen (Land)

•  Flächennutzungsverordnung anpassen (Land)

•  Neubaugebiete derart ausweisen, dass die Installation von PV-Anlagen ermöglicht wird (Dachneigung) (Land)

•  Voraussetzung für weiteren dynamischen Ausbau der EE schaffen: Korridor (Unterschreitung!), Deckel, Sonnensteuer, Solares Grünstromprivileg, Direktlieferung = Eigenverbrauch etc. (Bund)

•  Schieflage bei der Kostenbewertung der verschiedenen Energieträger korrigieren (ETS)(Bund)

•  Ausschreibungsmodell unzureichend (Bund)
- eindimensional, nur Preis als Kriterium (nicht Qualität, Nähe zum Netzanschluss etc.)
- Flächenkulisse erweitern
- Mengen deutlich erhöhen

•  Ausbau der Verteilnetze im Hinblick auf die dezentrale Energiewende fördern und vorantreiben (Bund)

Download der Stellungnahme als PDF